Donnerstag, 15. Dezember 2011

Die Wut kommt beim Essen... Alles Bio, oder was?


Der gourmetleiter ist nicht erst ein Wutbürger, seit das hierzulande (vor einer Woche) schick geworden ist. Nein, er war immer schon als Baby ein kleiner Zornbinkel, der sich über alles aufpudeln konnte. Ganz besonders übers Essen. Alles was nach Fleisch roch oder aussah, wurde konsequent ausgespuckt. “Meine Damen und Herren, ich bin Vegetarier!“ konnte er damals aber noch nicht sagen. Blieb also nur spucken. Zwei Lebensjahrzehnte später rieb er sich die Hände: Die BSE-Crisis 1996 bestätigte die damalige vorausschauende Weltsicht mit Schnuller.

Der gourmetleiter als kleiner Zornbinkel (Bild: Privat)

Um auf Nummer sicher zu gehen, schwörte der pubertierende Pflanzenfresser fortan auf die Devise “alles Bio“. “Eitle Wonnenmaximierungsstrategie“ nannte er das mal in einem Deutsch-Aufsatz und fand seine Wortkreation gelungen. (Der Lehrer weniger, er setzte eine rote Wellenlinie - Ausdruck! - drunter.) Die schönen Bio-Zertifikate und Gütesiegel verzückten den gourmetleiter. Wenn er “Nativ extra“ sagte, begann sein damaliges Pickelface zu strahlen. (Hätte der Deutschlehrer doch auch hier eine rote Welle hineingekritzelt und dazugesagt: Naiv extra... )

Irgendwann verdiente der gourmetleiter mit seiner Schreibe richtiges Geld. Und weil Bio immer ein bissi teurer ist, machte er fortan fleißig Überstunden, spielte Lotto, fladerte bei seiner Oma undsoweiterundsoweiter, um von allem immer die Biovariante zu erstehen. Die Freude währte nicht lange. Irgendwann hat der gourmetleiter nämlich bemerkt, dass Biofuzzis wie er ganz besonders im “Hamsterrad“ der Nahrungsmittelmarketingtrotteleien laufen, um es mit Roland Düringer zu sagen. Und da hat sich auch der gourmetleiter seiner frühkindlichen Zornbinkeligkeit besonnen und ist “ein bissi wütend“ geworden.

Sie wissen nicht, was ich meine? Ich denke dabei z.B. an den Olivenöl-Test des Magazins KONSUMENT (11/2011), der zu dem Ergebnis kam, dass das Qualitätsgütesiegel “Nativ extra“ eine ziemliche Platitüde ist : Wo nativ extra auf der Flasche steht, ist noch lange kein Öl der Spitzenklasse drin.“ Ganz besonders erschreckend fand der gourmetleiter dabei, dass auch hochpreisige Produkte, die mit BIO werben, ganz schlecht abgeschnitten haben. Auch Meldungen wie diese zu Bio-Soja sind nicht gerade dazu angetan, dass das Präfix “Bio-“ noch lange positiv konnotiert sein sollte. Das sind nur zwei Beispiele unter vielen, die sich hier anführen ließen. Vielleicht wird Bio irgendwann mal zum Schimpfwort: “Du bist ja voll Bio im Schädel...“ Unverdient wäre es nicht.

Bio-Soja - ein Fall für den Sondermüll? (Bild: Benjamin Klack / pixelio.de)

Dass Konsumenten wie der gourmetleiter, die blöd genug sind, Ernährungstabellen u.a. zu studieren, um bewusst zu fressen was sie fressen, am Ende überproportional verarscht werden (bzw. sich überproportional verarscht fühlen müssen), ist schon eine besondere Perfidie. Verarscht von Leuten, die sich durch feine Tricks noch höhere Gewinnspannen versprechen (“die Trotteln zahlen ja eh gerne mehr, hoho“), zeigt wohl vor allem eines: dass es nämlich an der Zeit ist, mache Lebensmittelindustrien einmal wutbürgerlich unter die Lupe zu nehmen! Und das meine ich jetzt so unironisch wie Roland Düringer seinen Auftritt. Ganz im Ernst. Echt.

Wenn Sie wissen, wie der gourmetleiter schreibt, wenn er in das Kostüm des medienleiters schlüpft, und sich Roland Düringers Wutrede analytisch zur Brust nimmt, dann erlaube ich mir, Sie auf diesen beiden Texte zu verweisen:





Dienstag, 13. Dezember 2011

Lagrein, Lagrein nur Du allein! Weinkompetenz durch karge Exerzitien. Ein Selbstversuch.


Der gourmetleiter redet gern mit. Immer und überall. Auch dann, wenn er wenig bis nix von der betreffenden Materie versteht. Wein ist ein Thema, wo er das Maul immer besonders gern aufreißt. Dabei würde der gourmetleiter ja gerne wirklich was von Wein verstehen. (Jaja, genau das sangen die Toten Hosen auch mal, hier bei Min. 1:27.) Doch die Geheimnisse rund um Mineralität, Terroir, Tabaknoten mit Kirsche wollten sich ihm in der Vergangenheit einfach nicht erschließen. Das Gerede erschienen ihm bisweilen gar esoterisch. Manches Mal fragte er sich: Ist Weinkennerei am Ende nur Bullshit-Bingo für Alkoholiker?

Weinbau in Südtirol (Bild: Andreas Agne / pixelio.de)

Mit den Jahren ließ sich der gourmetleiter dann doch eines Besseren belehren. Umso vehementer hat er auf Kenner gemacht, einfach weil er auch einer sein wollte. (Sie kennen ja bestimmt Monty Pythons Wein-Sketch in Fawlty Towers, ungefähr so...) Bei Weinverkostungen (beim Händler des Vertrauen) hob er (mehr oder weniger angesäuselt) schon mal das Glas, schniefte hinein wie ein Hund in die Einkaufstüte vom Metzger und faselte lauthals was daher von Holz und Veilchen, aber auch von Tabak und Leder, von Anklängen an Barolos von 1990 undsoweiterundsofort. Einfach nur peinlich.

Dabei erfreute sich der gourmetleiter doch vor allem anderen am Klang der schönen Sprache. Weinkritiken sind das letzte Residuum der antiken Poesie! Genau deshalb liest sie der gourmetleiter auch so gerne und schaut fast täglich bei seinem Lieblingsweinblog vorbei. Vielleicht würden die Umstehenden bei der Verkostung ja nicht gleich bemerken, dass hier ein (trunkener) Dilettant nur frei assoziiert? Die entsetzten Blicke gaben in der Regel sofort eine unmissverständliche Antwort.

Irgendwann sagte sich der gourmetleiter: Schluss mit dem elendigen Geschwätz, bevor ich noch was aufs Maul anstatt ins Maul bekomme! Aber was tun? Raus dem Weinkapitalismuspluralismus! Nicht mehr Chiantis, Syrahs, Malbecs & Co kreuz und quer durcheinanderkaufen und -saufen! Von nun an wird einem klösterlichen Weinkonsum gehuldigt. Klösterlich (im übertragenen) Sinne der Kargheit: Bis auf weiteres wird nur mehr eine Sorte getrunken. Und innerhalb dieser werden Exerzitien gemacht, Geschmacksnoten, Händler, Jahrgänge undsoweiterundsofort verglichen und zu Papier gebracht. Eine „kleine Sorte“ sollte es sein, kein Großes Gewächs und keine Edelrebe. Mit überschaubarem Angebot, bei dem sich auch die Spitzenvertreter in einem erschwinglichen Preisrahmen bewegen.

Bei der Suche wurde der gourmetleiter schließlich in Südtirol/Alto Adige fündig (auch hierbei war CaptainCork eine wichtige Hilfe): Die autochthone Weinrebe Lagrein wurde als “Studienobjekt“ auserkoren. (Hintergründiges zur Sorte Lagrein gibt’s in diesem Video.) Wobei sich sehr rasch gezeigt hat: Das Bechern zu Lernzwecken macht richtig Spass! Und der gewünschte Lernerfolg stellte sich mit der Zeit auch ein: Glas für Glas fertigte der gourmetleiter Notizen zu Geschmackseindrücken an und glich diese nachher mit den Abhandlungen professioneller Weinkritiker ab.

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Der gourmetleiter macht auch gerade einen Südtirolerisch-für-Anfänger-KursPeinlich trotz verzerrter Stimme...  

Innerhalb der Lagrein-Sortimente von Lageder, Kellerei Bozen u.a. machte der gourmetleiter dann auch tatsächlich jene Entdeckungen, die die Beschäftigung mit Wein so erquicklich machen. Plötzlich waren der Taste (Englisch lesen, bitte!) von Kirsche und Tabak und Leder wirklich am Gaumen “greifbar“. Und eine wichtige Bestätigung für die seit der Schulzeit nie mehr abgelegte Strebermentalität gab's obendrein auch noch: Mit der Zeit nahmen die Übereinstimmungen zwischen Dilettant gourmetleiter's Impressionen und jenen von denen “vom Fach“ zu. *Freu* ;-)
Ob sich das solcherart angetrunkene Wissen positiv auf gourmetleiter's allgemeine Weinkompetenz auswirkt, ob sich also tatsächlich vom Partikularen ausgehend auf das “Insgesamt der sommelierischen Formen“ schließen lässt, wird die Zukunft zeigen.

Und nun (ganz GüntherTolar-esk) meine Fraaaaage: Wie bildet Ihr Euch in Sachen Wein weiter?



Freitag, 2. Dezember 2011

Fashion Food in Berlin


Der gourmetleiter reitet demnächst mal wieder gen Berlin. Nachdem er mit dem dortigen Museum für Kommunikation schon im April beste Erfahrungen gemacht hat, wird er das Haus auch diesmal wieder beehren. Zumal es ums Essen geht, aber auch um Kleidung. (Als Ösi assoziiert er bei der Kombination gleich mal frei und kommt auf Fetzenlaberl, und auch bei dem Gedanken kommtnur Freude auf.) Zur Einstimmung auf die Ausstellung copypastet der gourmetleiter vorab schon mal die Presseaussendung zur Ausstellung (es ist gleich Wochenende, da darf man das schon mal)...


Russian Lardo nennt sich das: 
Hosenanzug: Lardo
Höschen und Umhang: Sepianudelteig
Kopfschmuck: Friséesalat, rote Chili, Daikonkresse 
(Bild:  Museum für Kommunikation Berlin /
Fashion Food by Helge Kirchberger und Roland Trettl)














FASHION FOOD

Haute Couture trifft Haute Cuisine: Fotoausstellung im Museum für Kommunikation Berlin zeigt „Mode zum Anbeißen“  

Ein Schal aus Zuckerwatte, Lauchzwiebeln als Kopfschmuck, ein Kostüm aus Nudelteig oder ein Oktopus als Tunika: „Fashion“ und „Food“ heißen die beiden Zutaten, die der Sternekoch Roland Trettl und der Fotograf Helge Kirchberger zu einer völlig neuen Komposition vereinen. Auf blanker Haut arrangieren sie Lebensmittel zu kulinarischen Kunstwerken. Vom 29. Oktober 2011 bis zum 29. Januar 2012 präsentiert das Museum für Kommunikation rund 50 Fotografien des außergewöhnlichen Projekts FASHION FOOD. In dieser Ausstellung sind neben den bereits in der gleichnamigen Publikation abgedruckten Bildern zahlreiche neue, speziell für Berlin angerfertige Arbeiten im Großformat zu sehen.

Warum nicht mal „Fashion“ völlig neu interpretieren? Und „Food“ zur „Fashion“ drapieren? Das fragten sich der Südtiroler Trettl und der Österreicher Kirchberger – und schon war die ungewöhnliche Idee geboren, Lebensmittel in einen völlig neuen und zugleich künstlerischen Kontext zu stellen. „Fashion und Food“, so Trettl, „sind meine beiden großen Leidenschaften – hier kann ich sie vereinen.“ Zu Beginn ihrer gemeinsamen
Arbeit hatte Trettl noch Unmengen von Lebensmittel-Material dabei. „Ich wusste beim besten Willen nicht, worauf das alles hinauslaufen würde“. Doch schon nach dem ersten Probe-Shooting wusste Kirchberger, dass ihnen da etwas „völlig Neues gelingt.“

Roland Trettl ist Küchenchef des Salzburger Gourmetrestaurants „Ikarus“. Gelernt hat der gebürtige Bozener bei Starkoch Eckart Witzigmann in dessen Münchner In-Lokal „Aubergine“. Die Deutsche Akademie für Kulinaristik verlieh dem Senkrechtstarter Trettl 2005 den „Eckart-Witzigmann-Preis“.
Helge Kirchberger ist Fotograf in Salzburg und Initiator des Projekts. Für einen internationalen Fotowettbewerb mit dem Motto „Alles was Mode ausmacht“ suchte Kirchberger nach einer völlig neuen Idee für seinen „Mode-Schuss“. Mit der Idee, Essen als Mode zu drapieren, trat an Roland Trettl heran – und FASHION FOOD war geboren.


Donnerstag, 1. Dezember 2011

Nahrung im Zeitalter ihrer sprachlichen Reproduzierbarkeit


[Es war der Gourmet-Aufreger des Jahres 2009: Analogkäse - eine Mogelpackung der ganz besonderen Art. Auch der gourmetleiter hat sich damals seine Gedanken zum Thema gemacht. Ihn interessierte v.a. die sprachphilosophische Dimension des Etikettenschwindels. Hier sein Beitrag vom 17.09.2009 für das Blog "Beyond Journalism".] 



In „Beefsteak und Pommes frites“ aus der (in Frankreich 1957 erstmals verlegten) Aufsatzsammlung “Mythen des Alltags“ weist der Literaturtheoretiker und Semiotiker Roland Barthes auf die Verkoppelung von Nahrung und Erzählungen (im Rahmen des nationalen Gedächtnisses) hin. Die beiden in Frankreich populären Speisen seien zu komplementären Erscheinungen eines idealisierten „Franzosentums“ verdichtet worden, was sie als moderne Mythen ausweise. Wie immer bei Barthes, steht im Mittelpunkt die Sprache selbst: „Der Mythos ist eine Sprache“, lautet denn auch ein geflügeltes Wort dieses wichtigen Vordenkers der zeitgenössischen Kulturwissenschaften. (Alltags)Mythen operieren demnach mit einer „gestohlenen Sprache“, in deren Verlauf eine primäre (rein faktische) Sprache durch eine sekundäre, welche die „höheren“ mythologischen Bedeutungen enthalte, aufgesogen werde. (Von MARKUS LEITER)


Mit der (transnationalen) Gegenwart von Analogkäse & Co. haben die Überlegungen Barthes’ gemeinsam, dass heute Nahrung mehr denn je zuvor ein Spannungsfeld von Erzählungen und „Sprachspielen“, in die der Philosoph Ludwig Wittgenstein den Gebrauch der Sprache unterteilte (z.B. Fragen, Befehlen, Behaupten), erzeugt. Als größter Industriezweig weltweit ist die Nahrungsmittelproduktion denn auch ein Großerzeuger von Sprache, auch aber nicht nur in der Werbung. Bemerkenswert ist dabei nicht bloß, „was“ sondern vor allem auch „wie“ auf den Produkten erzählt wird und welche sprachlichen Strategien dabei Anwendung finden.


Betrachten wir die Verpackung eines Stücks Käse einmal als narratives Objekt: So wird das gut sichtbar angebrachte Wörtchen „Käse“ auf der Vorderseite vom Konsumenten zweifellos als „Kennzeichnung“ des Inhaltes angenommen, auf Grundlage einer gesellschaftlichen Übereinkunft, was Käse ist: „faule Milch“, um es mit den Worten des Kobolds Pumuckl zu sagen. Doch das vom Konsumenten erkannte „Sprachspiel“ „kennzeichnen“ entpuppt sich (freilich unbemerkt) als Ausgeburt eines anderen Sprachspiels, nämlich der „Produktauslobung“.


       Und wenn der Käse doch mal echt ist, gilt Pumuckls Wort:
 "Käse ist faule Milch" (Foto: © Rolf Handke / pixelio.de)


Dieses mit seltsamem Klang behaftete, mehrdeutige Verb bringt es mit sich, dass der strikt objektbezogene Jargon der „Kennzeichnung“ aufgeweicht wird zugunsten des Sprechersubjekts und damit des Sprechaktes selbst: ein Bedeutungsstrang geht Grimms Deutschem Wörterbuch zufolge auf das Prinzip des „Verheißens“ zurück (etwa im Sinne des „Gelobten Landes“), d.h. auf eine (der Form nach) religiöse Sprache jenseits reiner Beschreibungen rationalistischen Zuschnitts. Wenn auf einer Verpackung Käse nun nicht mehr “gekennzeichnet“, sondern “ausgelobt“ bzw. „verhießen“ wird, so bedeutet dies, dass sich das Prinzip der Analogie zwischen dem echten und dem täuschend echten Käse auf die Sprache selbst überträgt.


Dabei ist eine Umkehrung des von Barthes beschriebenen (Alltags)Mythen-Gefüges erkennbar, womit ein wesentliches Erfolgsgeheimnis der “Nahrung 2.0“ deutlich wird: Die sekundäre Sprache (der Auslobung) soll ja gerade als Teil der primären durchgehen. Der Analogkäse, der sich als Folge der eingesetzten Sprachspiele als “richtiger Käse“ rühmen darf, trifft beim Konsumenten auf Wahrnehmungskategorien, die auf die primäre, objektbezogene Sprache ausgerichtet sind. Rezeptionsverhalten und -erwartung werden beim Lesen von Verpackungen (oder zumindest von deren Vorderseiten) also geschickt gegeneinander ausgespielt. Resümmierend lässt sich festhalten, dass mit dem (juristisch einwandfreien) Analogkäse auch gleich noch eine Analogsprache erfunden wurde, die das, was auf dem Produkt erzählt wird, von der Kennzeichnung hin zur auslobenden Verheißung und wieder zurück lenkt. In diesem Sinne wird Analogkäse wohl auch niemals den Rang eines Alltagsmythos Barthes’scher Prägung beanspruchen können.


[Ursprünglich veröffentlicht in Beyond Journalism, 17.09.2009, später auch hier, aber natürlich gehört die Story in ein properes Gourmetblog, also genau hierher, und serielles Selbstrecycling war dem gourmetleiter ja noch nie zu blöd...]


Montag, 28. November 2011

Du Schatzi...

Kennen Sie das? Sie gehen auf der Straße und jemand telefoniert. Sie hören - nona - nur den einen Teil des Gesprächs, was der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung sagt, kriegen Sie im Regelfall (zum Glück) nicht mit. Und dann imaginieren Sie sich reflexartig den für Sie unhörbaren Teil des Telefonats einfach dazu.** Letztens ging es mir so, als in einer Seitengasse der Mariahilfer Straße eine nicht mehr ganz junge Frau mit deutlichem Kärntner Akzent und sichtlich aufgeregt ein Gespräch mit ihrem Liebsten führte.

Zwei Sätze vermeinte ich dabei zu vernehmen (nein, nein, ich belausche anderer Leute Gespräche nicht, es war einfach nicht zu überhören...)


Du Schatzi, wonn kummst denn Du nach Hause?      
... (Unhörbar)
Dos is aber spät
... (Unhörbar)


Als Betreiber eines Fressblogs geht man natürlich davon aus, dass es bei dem Gespräch nur ums Essen gehen konnte. So habe ich "zu Hause" die Situation mit ein paar kleinen akustischen Tricks rekonstruiert. Damit meine  Stimme im Rahmen der (fiktiven) Gesprächssituation möglichst authentisch klingt, habe ich mir mit ein paar akustischen Tricks (Audacity sei Dank...) behelfen müssen. Auf zwei mögliche Gesprächsverläufe bin ich gekommen:

1.) Des Bradl:


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2.) Shrimpsrisotto:


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Wenn Sie noch eine andere Idee haben, wie das Gespräch verlaufen sein konnte, verraten Sie es mir doch - geschrieben oder gerne auch akustisch ;-)

** Ich bin sogar noch schlimmer: Wenn man mich nicht sieht, nehme ich als Stimme aus dem Off gerne  an Gesprächen teil, die via Fenster von Nachbarhaus zu Nachbarhaus geführt werden. Über den Sinngehalt des auf diese Weise eingebrachten Inputs hat man sich schon oft gewundert. Sie merken es bestimmt: der gourmetleiter ist Pumuckl-geschädigt...

NB: Alle stimmlichen und/oder sonstigen Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig.

Sonntag, 27. November 2011

Das Nussbeugerl: Backwerk für vermaledeite Grüßauguste! Eine Polemik.



Der gourmetleiter hat ein einfaches Gemüt: gleichmütig, naiv & bescheiden, seine Grundstimmung ist freundlich. Es muss also schon wirklich mit dem Teufel zugehen, wenn ihm einmal die Zornesröte ins Gesicht geschrieben steht. Heute war es wieder soweit.
Dabei fing alles so gut an. Um 8.00 Uhr ist der gourmetleiter aufgestanden, huschte sogleich ins Bad, trällerte unter der Dusche vergnügt “Sieeeeerra Sieeeeeera Madre suuuuuu, Sieeeeeerrra…“ – und als er mit der letzten Strophe fertig war, nahm er sich in gebieterischem Tonfall selbst ins Gebet: “Oida, jeden Tag Müsli zum Frühstück, das wird fad! Weilst gestern brav warst, gibt’s heut a Nusskipferl zur Abwechslung. Is des a Gschicht?“ Ein Nusskipfer, oh…! Des gourmetleiter's altes (Nasch)Ego aus der Kinderstubenzeit war mit einem Mal hellwach, hupfte in die Latschen und stiefelte Richtung Bäckerei am Eck. Dort wird mit “Selbstgebackenem“ geworben. Hui, das wird köstlich!
Drinnen wird der gourmetleiter dann vertraulich: “Ein Nusskipferl bitte, dazu einen Latte macchiato.“ Verkäuferin (Mitte 50, schrille Stimme): “Nusskipferl hamma net, bitteschön, nur Nussbeugerl, is aber eh praktisch dasselbe, der Herr.“ Ja, aber eben nur praktisch. Mit einem letzten prüfenden Blick auf die Glasvitrine und im unerschütterlichen Vertrauen auf die kapitalistische Warenvielfalt lehnt der gourmetleiter dankend ab und steuert geradewegs die Konkurrenz auf der anderen Straßenseite an. Erneut bringt er sein Begehren hervor, mit mittlerweile leicht emphatischer Akzentuierung des Wörtchens -kipferl. Und was kriegt er zu hören? Dieselbe hammanichtkriegmanichtwissmanichtundüberhaupt-Leier wie zuvor, und wieder wird als Trostpreis ein *.*-beugerl angeboten. Beugerl, Beugerl, Beugerl, wie das schon klingt... Eine verdammte Teigkanaille, die aussieht wie ihre eigene Ausscheidung, denkt der gourmetleiter entrüstet, behält das Bonmot aber gottlob für sich.
Wieder stiefelt er davon (dieses Mal nicht mehr dankend). Jetzt gilt: Nur den Willen nicht beuge(rl)n – hihi! – lassen. Lieber ohne Frühstück in den Tag! Der Magen knurrt, die Laune ist im Keller. Aber wer "Sieeeeeerrrra, siiieeeeeeerrrrrrra...." sagt, muss auch "amoi gehts no, amoi gehts no leicht..." sagen (altes Schlagerfuzzigesetz). Also gibt's noch einen Versuch. Eine Bäckerei Ecke Hernalser Hauptstraße/Wattgasse: Hier kriegt der gourmetleiter dann endlich das, wonach er seit 20 Minuten sucht: Ein Nusskipferl, und was für eines!
Mmmmmmmmmmm, ein Nusskipferl .... das schmeckt!
                                  Bild: medienleiter / markus leiter  / pixelio.de

Er bezahlt, beißt in das eben Erstandene und genießt die Hundertstelsekunde, die vergeht, bis sich das Gebiss durch die feine Teigstruktur hindurchgewühlt hat, und bei der Nussfüllung angelangt ist. Die schmeckt dann sowas von nussig, dass es eine wahre Freude ist! Eine Sinfonie des Genusses, leichtlebige Dekadenz, nicht ohne Ironie gegenüber dem Verspeiser! Das ist ein N u s s k i p f e r l!
Dagegen das -beugerl-Gfrast: Der Name allein verheißt schon nix Gutes: ein ekeliger auf Spießertum hindeutender Diminutiv, der auf Schleimer macht und darum absolut lächerlich und würdelos ist. (Oder haben Sie etwa schon einmal von Kniebeugerlgymnastik gehört? Soll gesund sein, wa? Na eben.)
Und weil gourmetleiter auch ein Blog mit politischem Bildungsauftrag ist, verrate ich Ihnen noch was: Das Nussbeugerl weckt in Assoziationen zu gedrungenen österreichischen Grüßaugusten, wie man sie auch in rechtspopulistischen Fahrwassern gerne antrifft. Und Flinserlträger im Geiste ist es auch. Jawohl! Mit einem Wort: Das Nussbeugerl ist das verachtenswerte Heinzelmännchen (aus der Sicht des Kobolds) - wer Pumuckl kennt, weiß was das zu bedeuten hat.
Der Geschmack bestätigt den Klang. Zimt! Zimt! Schaut her: Ich habe Zimt! Penetrant schreit einen das Beugerl aus der Vitrine an. Ich hör's noch immer. Herr Lehrer ich hab alles auswendig gelernt, ein Gedicht kann ich Ihnen auch noch aufsagen! Pfui, setzen! Statt in eine zartweiche Teigstruktur ist das gebeugerlte (und durch und durch unnussig schmeckende) Elend in eine harte Teighülle eingetütet, keine Ironie wie beim Kipferl, nix, nur fades Strebertum. 
Wenn jetzt der eine oder andere (Ederl oder Gustl) meint, hier würde ehrenwerte österreichische Backtradition verunglimpft, oder weit übers Ziel hinausgeschossen, dann verweise ich einfach mal auf das da. Gschamsterdiener und pfiat Gott!

Wenn Sie vermeinen, diesen Text (in leicht variierter Form) schon von woanders zu kennen, dann beglückwünsche ich Sie, denn dann sind Sie Leser des fabulosen medienleiter-Blogs. Dort wurde dieser Brief in der experimentellen Vorbereitungsphase für gourmetleiter schon mal vorveröffentlicht. Da sich die Nussbeugerln seitdem aber leider um keinen Deut gebessert haben, wird er hier noch einmal abgedruckt, oder besser gesagt abgepixelt.  
Dieser Text ist eine Satire. Alle Angaben sind ohne Gewähr.






Montag, 21. November 2011

Eine Pizzeria der besonderen Art - Feinste Gourmet-Comedy aus Argentinien

Der gourmetleiter ist Argentinien-Freak. Zwei Jahre hat er in dem wunderschönen Land verbracht (und will unbedingt bald mal wieder hin). Neben Fußball, verflossenen Liebschaften haben es ihm - gleichwohl er Vegetarier und Steak-Nichtesser ist - auch das Essen und die Gastfreundschaft am Río de la Plata angetan. Wenn er auch nur an die schicken Restaurants in Puerto Madero und Las Cañitas oder die coolen Bars in San Telmo und Palermo Viejo denkt, läuft ihm mehr als nur das Wasser im Mund zusammen. Worum es im Folgenden kommt, spielt aber zumindest eine Liga tiefer.*


Der gourmetleiter liebt die intensiven Malbec's aus Mendoza ... 

... ebenso Asados (Grillereien) ...

... und Mate-Tee schlürft er auch wie ein richtiger Porteño
                                                                    Bilder: markus leiter / gourmetleiter 



Der Abstieg beginnt schon mal damit, dass bei ungehobelten Zeitgenossen wie dem gourmetleiter Essen ohne Fernsehen nicht denkbar ist. Mit deliziösen Empanadas oder herrlichen Malbec's aus Mendoza kann das argentinische TV natürlich bei weitem nicht mithalten, aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel und stellen in diesem Fall den Bezug zum Blog her.  

Die Rede ist von den fantastischen Comedy-Sketches des argentinischen TV-Moderators und Schauspielers Peter Capusotto, der eigentlich Diego heißt. Im staatlichen TV-Sender Canal 7 ausgestrahlt, sind die Folgen mittlerweile auch im Netz zu einem Renner (z.B. via Youtube-Kanal) geworden. In Capusotto's Stückerln werden, verteilt auf mehrere Serien und Charaktere, argentinische und andere Besonderheiten in einer Weise aufs Korn genommen, die von der Stillage her ganz gut in die Donnerstag-Nacht des ORF passen würde. Intelligent untertitelt, könnte auch ein deutschsprachiges Publikum, das mit argentinischen Idiosynkrasien nicht vertraut ist, bestens mit Capusotto's reichhaltigem Figuren-Universum unterhalten werden. (Dies ist ein Aufruf, meine Damen und Herren Programmintendanten!) So aber haben derzeit  leider nur diejenigen was davon, die des (argentinischen) Spanisch mächtig sind...

Wer mehr von Capusotto sehen will, dem seien wärmstens die Videos mit Violencia Rivas, einer gealterten und stark verhaltensauffälligen argentinischen Punk-Pionierin, die Folgen mit Micky Vainilla, einem faschistoiden Schnulzenheini oder die Clips mit dem albernen Machorapper-Lehrling Latino Solanas ans Herz gelegt. Und dazu viele viele andere. Auf Capusotto's Website kann man die Videos nach Charakteren unterteilt ansehen.

Da dies hier ein Gourmetblog ist, empfiehlt der gourmetleiter ganz explizit die Episoden aus der Pizzeria Los Hijos de Puta (braucht nicht übersetzt werden, oder?), wie zum Beispiel dieses da:



So ein Service macht doch Lust, mal wieder nach Buenos Aires zu fliegen. Ob man nach solchen Videos allerdings noch Appetit auf Fideos (Nudeln) hat, sei mal dahingestellt.

* Über das Gourmet-Barrio Puerto Madero hat der gourmetleiter vor Jahren mal eine Story (auf Spanisch) für ein argentinisches Online-Magazin geschrieben. Jahre ist's her...